Temporärer Kontrollverlust ist der Beginn von feinen Sachen

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Das klingt im ersten Moment wie eine Provokation für jede Führungskraft, die ihre Karriere darauf gebaut hat, nichts dem Zufall zu überlassen. Genau deshalb muss der Satz gesagt werden.

Wo erleben wir die kostbarsten Momente unseres Lebens?

Bei der Geburt eines Kindes. Niemand kann sie herbeizwingen, niemand kann den Moment, in dem ein neues Leben da ist, managen oder planen. Wir können uns vorbereiten, einrichten, aber das Wesentliche wächst ohne unser Tun.

In der Liebe: Wir können uns bemühen und umwerben. Aber der Moment, in dem jemand Ja sagt, in dem ein Mensch sein Herz und Leben öffnet, in dem Vertrauen entsteht, ist ein Geschenk, das sich der Kontrolle entzieht. Wer Liebe erzwingen will, verliert sie im selben Atemzug.

Im Tod, den wir alle einmal erleben werden, mit all den Fragen, die am Ende zählen und noch offen bleiben und die nicht in unserer Hand liegen. Wenn sich die Spähren kreuzen, sind wir Ausgelieferte.

Das Muster ist immer dasselbe: Bei allem, was uns wirklich wesentlich ist, stoßen wir auf eine Grenze. Die entscheidenden Dinge im Leben können wir nicht machen. Wir können sie nur empfangen.

Weltbekannt ist die Geschichte des Petrus, der wie Jesus auf dem Wasser läuft. Die Jünger sitzen in einem Boot auf dem See Genezareth und Jesus hatte sich, wie er es gern mal tat, von ihnen zurückgezogen. Es stürmt. Sie kämpfen mit den Wellen, mit der Angst. Erst in der vierten Nachtwache kommt Jesus auf sie zu, wandelnd über das Wasser.

„Seid guten Mutes! Ich bin es. Fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen! Er aber sprach: Komm!"

Petrus verlässt den einzigen Ort, der noch eine Restsicherheit verspricht. Er gibt die Kontrolle ab, weil er vertraut. Er tut etwas, das keine Risikoanalyse jemals empfehlen würde. Er steigt aus dem Boot und läuft los, das Wasser trägt ihn. Doch in dem Moment, in dem er auf den Sturm schaut, beginnt er wieder zu sinken und bekommt die rettende Hand.

Hier steckt eine Führungswahrheit: Wir starren auf die Krisen, statt auf das zu schauen, was uns trägt und hält und was Hoffnung verspricht. Wir analysieren den Sturm in Dashboards, Szenarien, Risikoberichten, Doomscrolling und merken nicht, dass wir dabei untergehen. Nicht am Sturm selbst, sondern an unserem Blick auf den Sturm, am Fokussieren des Falschen.

Wer alles kontrollieren will, hält die Dinge klein. Wer auch mal mutig und ohne Furcht loslassen kann, macht den Raum auf für das, was größer ist als er selbst. Dann kommt auch die rettende Hand, die einen mitnimmt.

Niemand soll blind aus dem Boot springen. Aber jede Führungskraft, die nur auf den Sturm schaut und das Boot nie verlässt, wird irgendwann feststellen, dass sie dahin getrieben wurde.

Bild: Philipp Otto Runge, zu sehen in der Kunsthalle Hamburg

Infos zum Autor: Tobias Siebel ist Theologe, Germanist, 
Berater & Unternehmer. Als Gründer 
von TALER & TALAR sucht er die Verbin-dung von Wirtschaft, Sinn & Ethik. 
Mit seinem Beratungsunternehmen 
begleitet er Organisationen in Marken-strategie, Innovationsentwicklung & 
Transformation. Er ermutigt Marken & 
Menschen, ihren Purpose zu leben, 
Beziehungen zu gestalten & Werte wirk-sam werden zu lassen: innen wie außen.

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